Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem-Wahrheit oder Lüge?

Mit den Ergebnissen der Pisa-Studie und der dürftigen Bewertung des Schulsystems ging ein Aufschrei quer durch Wachsfigurenkabinett HamburgDeutschland. Soll unser Schulsystem wirklich einem Desaster gleichen? Seither rangeln Bildungspolitiker, Bildungsforscher und -experten um die neuerlichen Erfolgsmeldungen aus den Reformen der letzten Jahre: das System ist durchlässiger geworden, immer mehr Jugendliche erlangen einen Schulabschluss, die Anzahl der Abiturienten steigt, deutsche Schüler stehen bei Leistungsvergleichen im internationalen Maßstab zunehmend besser da.

Aber: Der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen ist auch weiterhin von der sozialen Herkunft abhängig. Sofern die Eltern keine Abiturienten bzw. Akademiker sind, Kinder aus unteren sozialen Schichten und finanziell schwierigen Familienverhältnissen stammen oder Migrationshintergrund mitbringen, stehen die Chancen auf einen höheren Bildungsabschluss getreu dem Motto „Geld bestimmt die Welt“ (und/oder Beziehungen) deutlich schlechter.

Vorbild Eltern?

Wenn die Eltern das Abitur erlangt haben, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass auch deren Kind eine gymnasiale Laufbahn einschlägt. Warum? Eltern geben ihre eigenen Erfahrungen weiter und können auch bei vielen Lehrinhalten unterstützen, wohingegen die Erziehungsberechtigten aus unteren sozialen Schichten aufgrund von Unerfahrenheit, Unsicherheit und Angst ihren Kindern eher nicht zum Abitur raten.

Die Bildungserfahrungen der Eltern beeinflussen also maßgeblich den Bildungsweg ihrer Kinder!

Arm und dumm–reich und intelligent?

Trügt eigentlich unser Eindruck, dass wir unsere Kinder nach Bildungsnähe und Bildungsferne kategorisieren und ihnen damit ausnahmslos positive oder negative Eigenschaften zuweisen?

Richtig ist, dass vergleichsweise bildungsnahe Kinder besser in der Schule sind als bildungsferne. Eine höhere Intelligenz ist dafür aber nicht der Grund, sondern Kinder aus bildungsnahen Familien haben den Vorteil, dass sie bereits frühzeitig verschiedene Bildungserfahrungen sammeln (können). Sie wachsen mit Instrumenten und Büchern auf, haben schon Museen besucht, auf mehreren Abenteuerspielplätzen getobt und Urlaub im Ausland verbracht, trainieren im Sportverein und orientieren sich an Vorbildern. Diesen Wissensvorsprung bauen die Kinder auf ihrem Bildungsweg erfahrungsgemäß immer weiter aus.

Kinder aus bildungsferneren Familien sind dagegen auf inhaltlich hochwertige Angebote in Kindertagesstätten, Schulen oder anderen Bildungsträgern angewiesen, um ähnliche oder weitgehend gleichwertige Bildungserfahrungen zu erwerben. Aber wir wissen auch, dass nicht alle Kinder einen Kindergarten besuchen und zudem die Einrichtungen aufgrund ihrer Struktur und Personalausstattung diesen hohen Anforderungen nicht in dem erforderlichen Maße gerecht werden können. Kindertagesstätten ersetzen auch nicht den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Eltern, auch wenn wir das manchmal glauben möchten.

Also: Intelligenz ist keine Frage sozialer Herkunft, aber Chancengleichheit wird nicht durch Intelligenz allein, sondern durch eine Reihe von weiteren Rahmenbedingungen beeinflusst!

Abitur–und dann?

Nichtsdestotrotz kämpfen sich auch eine Vielzahl bildungsferner Jugendliche bis zum Abitur durch und haben damit die Chance auf eine Hochschulausbildung. Dennoch entscheiden sich viele dennoch dagegen. Warum?

  • Bildungsferne Familien gehen in Bezug auf Ausbildung und Berufswahl eher auf Nummer sicher, weil sie das Können ihres Kindes, die Kosten eines Studiums, die Erlangung eines Abschlusses und die anschließende Arbeitsplatzsuche Fazit nicht überschauen.
  • Ein hoher Bildungsabschluss der Kinder steht für bildungsferne Familien nicht im Vordergrund, wohingegen eine Studienkarriere des Nachwuchses für gebildete oder besser verdienende Eltern (ideell) einen hohen Stellenwert einnimmt.
  • Das Abitur ist zunehmend Voraussetzung für viele Ausbildungsberufe, so dass sich auch bildungsferne Kinder und Jugendliche für die Erlangung der Hochschulreife entscheiden, ein Studium (auch Fernstudium) aber von Vornherein ablehnen.

Da über die Aufnahme eines Studiums sowohl durch die höhere Durchlässigkeit des Bildungssystems als auch die Möglichkeit des Zweiten Bildungsweges noch in einem höheren Lebensalter entschieden werden kann, können wir heute nicht (mehr) nach dem „normalen“ 12-bzw. 13-jährigen Gymnasium beurteilen, wie viele Abiturienten überhaupt ein Studium aufnehmen. Belastbare Aussagen sind erst viel später möglich, wenn etwa das Abitur im Alter von 30 Jahren nachgeholt wurde oder dem Abitur eine mehrjährige berufliche Tätigkeit folgt, bevor sich Abiturienten für ein Studium entscheiden.

Kein Hochschulstudium–na und?

Nicht jeder kann oder muss ein Hochschulstudium absolvieren. Doch wer die individuellen Fähigkeiten und Voraussetzungen für eine akademische Laufbahn hat, sollte sich die Entscheidung dafür oder dagegen nicht leicht machen, auch wenn sich aktuell quer durch alle soziale Schichten eine rückläufige Studierquote zu verzeichnen ist.

Für ein Hochschulstudium spricht, dass Hochschulabsolventen durchschnittlich mehr als Abiturienten mit einer Berufsausbildung verdienen. Zudem braucht die Gesellschaft für die Sicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit händeringend (akademische) Fachkräfte und sollte sich es nicht leisten, seine Talente – egal welcher sozialer Herkunft – zu vergeuden.

Doch was lässt sich überhaupt verändern bzw. wo können wir eingreifen?

Chancengleichheit-aber wie?

Wenn zukünftig Bildung, Beruf und Karriere nicht von der sozialen Herkunft, sondern vom Leistungsvermögen jedes Einzelnen abhängen sollen, dann müssen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft an einem Strang ziehen. Doch auch die Gesellschaft selbst muss sich bewegen und verändern, denn solange etwa bildungsnahe Eltern die soziale Differenzierung im Bildungsbereich lieber verstärken anstatt sie abzubauen oder sich die Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Schichten über Markenklamotten, Handymarken, Autos, Wohnverhältnisse oder Hautfarbe definiert, kommen wir im Kampf um (wirkliche) Bildungsgerechtigkeit keinen Schritt voran.

Wenn wir gleichberechtigte Bildungschancen wollen, dann brauchen wir auch einen qualitativ besseren Unterricht und eine größere Lehrerschaft, so dass der jeweilige Leistungsstand der einzelnen Schüler berücksichtigt, besondere Stärken gefördert und Schwächen gemildert bzw. beseitigt sowie individuelle Entwicklungspotenziale diagnostiziert werden können. Inklusion kann hier nur der Anfang sein.
Dies beinhaltet gleichermaßen, die Aus- und Weiterbildung von Lehrern zu evaluieren und diesen aktuellen gesellschaftlichen Anforderungen und Bedarfen anzupassen.

Zudem sind deutlich früher Hemmschwellen abzubauen, um Jugendlichen und deren Familien soziale Ängste vor dem Studium zu nehmen.

FAZIT:

Die Chancengleichheit in der Bildung ist ein (zu?) hohes Ziel, auf dessen Weg es noch viele Steine aus dem Weg zu räumen SP_logo16_Fazitgilt. Wir brauchen für eine zukunftsfähige Gesellschaft die „geballte Intelligenz“ aus allen sozialen Schichten anstatt die weitere Vertiefung sozialer Klassenunterschiede. Wenn wir aber bereits an den ohne Zweifel großen Herausforderungen durch die Inklusion fast den Heldentod sterben, ist (leider) durchaus eine gewisse Skepsis angebracht. Auch die Frage, ob Chancengleichheit in der Bildung überhaupt das Ziel aller ist, darf an dieser Stelle gestattet sein.

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