Wie können sich Eltern verhalten, wenn ihr Kind in einen Konflikt mit anderen Kindern gerät?
Lisa ist mit ihrem Vater im Hallenbad. Die Zweijährige rutscht mit Begeisterung pausenlos ihre rote Lieblingsrutsche im Babybecken herunter. Besonders gern hat sie es, wenn sie unten angekommen noch eine Weile am Rutschenrand sitzen kann um sich in der Gegend umzuschauen. Voll Neugier beobachtet sie den vierjährigen Mario, der gerade die Stufen der Rutsche erklimmt. Oben angekommen, schaut Mario auf Lisa hinunter, die immer noch unten sitzt und Marios Rutschfahrt somit behindert. Ein Streit um die Rutsche bahnt sich an, denkt sich Lisas Vater. Er klinkt sich ein und bittet Lisa zunächst von der Rutsche weg zu gehen. Als sie nicht versteht, geht er hin und holt Lisa unter großem Protest selbst. Lisas Vater ist enttäuscht. Möchte er doch, dass sich seine Tochter zu einem umsichtigen und rücksichtsvollen Menschen entwickelt. Mit diesem Wunsch ist er nicht allein. Sicherlich wünschen sich das nahezu alle Eltern für ihre Kinder.
Irgendwann im Leben eines Menschen kommt der Zeitpunkt, an dem er auf andere Mitmenschen trifft. Zunächst behütet im Kreise der engsten Familie, von Mama und Papa umsorgt und von all dem „Bösen“ der Welt möglichst ferngehalten, entwickeln sich neugierige Babys zu kontaktfreudigen Kleinkindern. Eigene Wünsche und Bedürfnisse stehen plötzlich jenen von anderen Kleinkindern gegenüber und lassen sich nicht immer mit diesen vereinbaren. Erste Konflikte müssen bewältigt werden.
Wie kann man nun als Eltern das eigene Kind bei diesen ersten Begegnungen unterstützen und begleiten?
Als oberste Prämisse sollte man sich immer eine Tatsache vor Augen halten. Nur wenn Kinder die Gelegenheit erhalten sich mit anderen messen zu können und anderen Meinungen und Persönlichkeiten gegenüber treten dürfen, nur dann können sie Erfahrungen sammeln, die zum späteren Konfliktmanagement unersätzlich sind. Learning by doing ist auch hier das neudeutsche Schlagwort.
Wie sieht das im konkreten Fall aus? Hätte Lisas Vater seine Tochter einfach sich selbst überlassen sollen?
Mit dieser obersten Prämisse ist keinesfalls gemeint, das Kind völlig allein zu lassen. Aber man kann zunächst einmal seinem Kind das Vertrauen entgegenbringen, die Situation selbst zu managen. Abwarten und beobachten, seinem Kind signalisieren, dass man da ist etwa durch Blickkontakt und einem aufmunternden Lächeln. Kinder gehen, wenn man sie lässt, voll Neugier aufeinander zu, und meist auch sehr behutsam miteinander um. Wer weiß, vielleicht kommen Lisa und Mario selbst auf eine Lösung für ihr Rutschenproblem noch bevor überhaupt ein Konflikt entsteht. Durch zu frühes Eingreifen raubt man sich außerdem als Eltern die Chance sein Kind bei seinen eigenen Entdeckungen und Lebenserfahrungen beobachten zu können.
Doch wann soll man sich dann einmischen und vor allem wie?
Der Zeitpunkt des Handelns ist dann gekommen, wenn das Kind um Hilfe bittet oder eines der Kinder zu Schaden kommen könnte. Aber auch dann sollte man den Kindern keine Lösung vorgeben und ihnen bestimmte Handlungsweisen aufdrängen, wie z.B. die Kinder zu zwingen sich beieinander zu entschuldigen. Sinnvoller ist es da, den Kindern die Situation zu beschreiben ohne zu bewerten. In Lisas Fall könnte ihr Vater etwa sagen: „Schau mal Lisa, der Bub da möchte auch einmal rutschen. Aber es geht nicht, weil du unten auf der Rutsche sitzen bleibst.“ Diese Verbalisierung der Situation beinhaltet nur die „hard facts“ und unterstellt keinem der Kinder eine böse Absicht, enthält also keinerlei Bewertungen. Solche Situationsbeschreibungen helfen dem Kind die Situation zu analysieren, festzustellen was nun eigentlich das Problem ist und es überlässt dem Kind selbst die Lösung zu finden. Lisas Vater wird überrascht sein, wie schnell sein Mädchen auf diese Weise verstehen lernt.
Beschreiben und nicht bewerten hilft also, aus neugierigen und kontaktfreudigen Kleinkindern gute Konfliktmanager zu machen. Immer mit der Gewissheit, dass die Eltern hinter einem stehen, Vertrauen in die kindlichen Kompetenzen haben und es einem zugestehen, Konflikte austragen zu dürfen. Denn nur so wird der Grundstein gelegt für ein verantwortungsvolles und vor allem rücksichtsvolles Erwachsenenleben.